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Wibke von Bonin / deutsch

 
 

Zu den Fotografien
von André Wagner

Wibke von Bonin

Als Mittel zur bildlichen Darstellung der Realität hat die Fotografie die Malerei im 19. Jahrhundert abgelöst. Dass beide jedoch als gleichrangige Künste nebeneinander anerkannt sind, ist eine jüngere Entwicklung der Kunstgeschichte. Losgelöst von der strikt dokumentarischen erschafft die künstlerische Fotografie mit allen Möglichkeiten, die die Technik ihr bietet, ein Universum, in dem die Imagination des Künstlers und des Betrachters einander begegnen.
Auf die Fotografie von André Wagner scheint in besonderem Maße zuzutreffen, was Paul Virilio schreibt: „In Wahrheit ist die Fotografie nicht die Darstellung eines abwesenden Objekts, sondern vielmehr diejenige eines kurzzeitig vor dem Objektiv der Kamera gegenwärtigen Objekts, d. h. der Bildbeweis von dessen zeitweiligem Vorhandensein: Die Bildsequenz bezeugt dessen konkrete Präsenz hier und jetzt vor dem Betrachter. Auf diese Weise vergegenwärtigt die Fotografie das Bewegungskontinuum an sich, denn auf seinem Weg hat sich das Objekt am Kamera-objektiv vorbeibewegt … Jedes Foto ist demnach die Registrierung des ‚Anfangs vom Ende‘ eines Bewegungskontinuums, von dem die Betrachter meistens nichts ahnen.“ 1
André Wagner, der das Fotografieren als Handwerk erlernt und als Dokumentarist Preise gewonnen hat, begreift sich heute als Künstler, der seine eigene Kunstwelt erschafft. In diesem Buch gibt er Einblick in verschiedene Themenkreise, die ihn in den letzten Jahren beschäftigt haben. Diese Arbeiten führen den Betrachter in ein Faszinosum von Licht und Dunkel, Rätsel und Geheimnis.
Der Künstler inszeniert seine Bilder. Er legt Licht ins dunkle Zentrum seines Bildraums oder aber er bewegt Licht durch eine nächtliche Landschaft und zeigt, wie es sich nähert oder entfernt. Er macht Zeit sichtbar, indem er Lichtträger durch die Dunkelheit des Raums schickt und sie in ihrem Verlauf dokumentiert. Die Langzeitbelichtung ist eines der offensichtlichsten Charakteristika seiner Bilder. Mit ihr gelingt es ihm, Zeit im Raum auf der Fläche festzuhalten: Visions of Time.
Kann man im Allgemeinen davon ausgehen, dass auf dem fotografischen Bild erkennbare Teile von Realität die Fragen des Betrachters an das Bild ad hoc in die vom Fotografen gewählte Richtung leiten, so bleibt doch vielfach ein Rest von Ungewissheit bezüglich seiner Absicht, die sich auch mit der nüchternen Erklärung der technischen Verfahren der Bildherstellung nicht -auflösen lässt. Es geht um Inhalt. Nicht nur: Was ist das Objekt der Darstellung, sondern auch: Was ist das Sujet des Bildes. Was hat den Künstler gereizt, diese Bildkonstellation zu schaffen oder aber eine vorgefundene in dieser bestimmten Weise festzuhalten?
André Wagner ist auch ein Romantiker. Er unternimmt Reisen in Gegenden, die ihm die Möglichkeit extremer authentischer Erlebnisse versprechen. Vielfach sind die Bilder menschenleer: Man sieht einsame Bäume, wie man sie noch nie sah. Stille Birkenwälder, hell blühende Wiesen, zerklüftete Küsten, nächtliche Städte. Oder aber das Gegenteil, wenn er sich in die bunte Exotik Indiens stürzt: Er beobachtet die Menschen bei ihren Ritualen und macht ihr inneres Leuchten sichtbar. Er sucht und findet sich in all diesen Umgebungen stets aufs Neue und in immer neuer Funktion – als Pilger, als Lauschender, als Sehender und als Zeigender. Indem er sich als Träger kreisender Lichtquellen entmaterialisiert und unsichtbar macht, wird er selbst zum Ausdruck seines Gedankens und das Bild zum Vermittler seiner Energie.
Seit das Licht wohlfeil und im Überfluss vorhanden ist, sich auf Knopfdruck einschalten und alles Oberflächliche gleißen lässt, hat es seine wahre Bedeutung, seinen einstigen Zauber und sein Geheimnis verloren. André Wagner gibt ihm all das zurück. Er ist ein Magier des Lichts.

1 Paul Virilio, in: Das Versprechen der Fotografie, herausgegeben von Luminita Sabau, München 1998