SB#08_2010_Up-To-Date_108x138cm

 

THE ADVENTURE OF UNCERTAIN LIGHTING CONDITIONS

 
 

The Adventure of Uncertain Lighting Conditions
On the Twilight-Photography by André Wagner

The English word twilight is translated into German with the tantamount word Zwielicht.
The term appeared not until the late 18th century in German vocabulary and contains both the duplicating and dividing: the duplicating, because next to the one, known light there is now another, different light which is worth being indicated, the dividing because this new light is only a weak, split light. Not least the German poet and translator Johann Heinrich Voss brought the word Zwielicht into the High German literary language, where it quickly spread, benefited by the feelings for nature under the banner of sensitivity. Sentimental values in the processes of nature could now be better designated. The twilight makes doubtful: the illumination which usually comes along with the lighting of all things and forms, at first sight seems limited in the twilight: indeed, something is seen, but also some things remain unseen. At a second glance the illumination is not at all limited – it simply takes place on another, metaphysical level. Thus, it only takes a small step to the figurative level of the word twilight. The “dazzling interplay of the colors from light to dark” (Goethe) is confronted with an uncertainty and vagueness between “bright joy and dark sorrow” (Jean Paul) experienced by the soul. The mergence of light and darkness creates ambiguity which opens a poetic space somewhere between take-off and departure. From this haze of recognition, remembrances and dreams a chance for a creative new beginning grows.

It is not much different with the photography by André Wagner. He has dedicated himself to the adventure of uncertain lighting conditions. Something is wrong with the light in his pictures. Sometimes it is his manipulation of the light, which makes the beholder doubtful, day turn into night, artificial light into the sun and the sun into the moon. This is so, for instance when a tree in the sunlight is illumined so strongly with artificial light, that it seems to glare on the picture and everything else in the surrounding steps into the dusky background, turning day into night.

The clash between artificial and natural light in André Wagner’s pictures fits to the dualistic “both … and” of twilight, this romantic mega picture where aspirations and abysses meet. The romanticist conceived himself as a fractured, torn personality; the enhancement of nature with artificial light is also such a torn statement. Indeed, on the one hand André Wagner’s pictures are photometrically manipulated, but on the other hand they are produced completely analogically. Indeed, they celebrate nature in an act of enhancement, but at the same time they problematize it as a terrain distorted and endangered by man. Although esthetically attractive and harmoniously orchestrated – if thrown into one of these picture one would feel lost. Equally as allegorical in his series Standby: if only the light of monitors brings illumination into a room, if this light shines in man-made rooms with a matter of course as if it were daylight, the true, natural light, an escape from the cave – then one may ask: what is the internet? Doesn’t it ban us humans into our dwellings, our modern caves?

In colloquial language there is another meaning of the term Zwielicht in the sense of a double light, a second, mixed light, that is to say when natural light mixes with an artificial light. Usually this mixing of light is an aggressive and harmful act for the eyes. On a photograph however, all anguish for the eyes is suspended. Here, one can closely study this condition: light, the medium in and through which all phenomena appear has disunited itself; in it nothing can be explained any longer as something that it truly is. Still, the things have not stepped into the all-embracing darkness of night; but they also do not stand in the day with their outlines held together. They are their own double – they are themselves and also always something else: the poetic space of longing is opened.

Essay: Arne Rautenberg – Kiel

Deutsche Version:

Im Abenteuer unsicherer Lichtverhältnisse

Zu den Twilight-Fotoarbeiten von André Wagner

Das englische Wort Twilight übersetzt man im Deutschen bedeutungsgleich und bildungsverwandt mit dem Wort Zwielicht. Dem erst im späten 18. Jahrhundert in den deutschen Wortschatz gewanderten Begriff liegt sowohl das doppelnde, wie auch das halbierende zugrunde: das Doppelte insofern, dass es neben dem einen, bekannten Licht nun ein weiteres, anderes gibt, das bezeichnet zu werden lohnt; das Halbierte, weil dieses neu empfundene Licht bloß ein schwaches, geteiltes Licht ist. Nicht zuletzt der Dichter und Übersetzer Johann Heinrich Voss brachte das Wort Zwielicht in die hochdeutsche Literatursprache ein, wo es sich rasch verbreitete, begünstigt durch die Naturgefühle im Zeichen der Empfindsamkeit. Stimmungswerte in den Naturvorgängen ließen sich so besser bezeichnen. Das Zwei-Licht lässt einen zwei-feln: der Erhellungsprozess, der normalerweise mit der Ausleuchtung aller Dinge und Gestalten einher geht, erscheint nun im Zwielicht auf den ersten Blick eingeschränkt: zwar sieht man etwas, doch man sieht auch etwas nicht – auf den zweiten Blick ist der besagte Erhellungsprozess jedoch keinesfalls eingeschränkt, er findet nur auf einer anderen Ebene statt, der metaphysischen eben.

Es ist also nur ein kleiner Schritt zur bildlichen Dimension des Wortes Zwielicht: Dem „schillernden Wechselspiel der Farben zwischen hell und dunkel (Goethe), steht eine im seelischen Erleben empfundene Unbestimmtheit, Unklarheit, zwischen „heller Freude und dunkler Trauer“ (Jean Paul) gegenüber. Die Verschmelzung von Licht und Dunkelheit schafft Uneindeutigkeiten, die irgendwo zwischen Aufbruch und Abschied einen poetischen Raum eröffnen. Genau aus diesem Nebel von Erkennen, Erinnerungen und Wunschvorstellungen erwächst die Chance auf einen schöpferischen Neubeginn.

Nicht anders ist es bei den Fotografien von André Wagner. Er hat sich dem Abenteuer der unsicheren Lichtverhältnisse verschrieben. Irgendetwas stimmt in seinen Fotos mit dem Licht nicht. Mal sind es die von ihm vorgenommenen Lichtmanipulationen, die einen zweifeln lassen, die den Tag zur Nacht machen, das Kunstlicht zur Sonne und die Sonne zum Mond; wenn etwa ein Baum im Sonnenlicht zusätzlich so stark mit künstlichem Licht belegt wird, dass er auf seinem fotografischen Abbild grell ausgeleuchtet erscheint und alles andere um ihn herum düster in den Bildhintergrund treten lässt.
Und aus Tag werde Nacht.

Der Schlagabtausch zwischen natürlichem Licht und Kunstlicht in den Fotografien von André Wagner passt zum dualistischen „Sowohl-als-auch“ des Zwielichts, dieses romantischen Mega-Bildes, in dem sich Sehnsüchte und Abgründe treffen. Der Romantiker empfand sich als eine gebrochene und zerrissene Persönlichkeit; die Erhöhung der Natur mit Mitteln der Künstlichkeit ist auch so ein zerrissenes Statement. Zwar sind die Fotoarbeiten André Wagners einerseits lichttechnisch bei der Aufnahme manipuliert, doch andererseits wieder komplett analog produziert. Zwar feiern sie die Natur in einem Akt der Erhöhung, doch problematisieren sie gleichzeitig als ein von Menschen entstelltes, gefährdetes Terrain. Obwohl ästhetisch ansprechend, ja harmonisch inszeniert; wäre man in eines dieser Bilder geworfen – man würde sich verloren fühlen. Oder, genauso sinnbildlich in seiner Serie Standby: Wenn in geschlossenen Räumen bloß mehr das Licht der Monitore Erhellung bringt, wenn dieses Licht in künstlich geschaffenen Räumen mit einer Selbstverständlichkeit scheint, als wäre es das Tageslicht, das wahre, natürliche Licht, ein Ausweg aus der Höhle – – dann darf man sich fragen: ist das Internet das tatsächlich? Oder verbannt es uns Menschen nicht letztlich in unsere Behausungen, unsere modernen Höhlen?

Es gibt in der Umgangssprache eine zunehmende weitere Bedeutung des Begriffs Zwielicht im Sinne von einem Doppellicht, also einem zweifachen, gemischten Licht, nämlich wenn sich das Tageslicht mit einer künstlichen Lichtquelle vermengt. Normalerweise ist diese Lichtvermengung für die Augen ein angreifender und schädlicher Akt. Auf einer Fotografie hingegen ist alle Augenpein aufgehoben. Hier kann man diesen Zustand einmal ganz genau studieren: Das Licht, das Medium, in dem und durch das alle Phänomene erscheinen, hat sich ent-zweit; in ihm kann sich nichts mehr erklären, als das, was es tatsächlich ist. Noch sind die Dinge nicht in das allumfassende Dunkel der Nacht eingetreten, aber sie stehen auch nicht mehr, ihre Kontur zusammenhaltend, im Tage. Sie sind ihre eigenen Doppelgänger – sie sind sie selbst und immer auch etwas anderes: der poetische Sehnsuchtsraum ist geöffnet.